Die Leiden des jungen Werther: Text, Kommentar und Materialien


 
"Ach, was ich weiß, kann jeder wissen..."
• • • • •   (bewertet mit 5 von 5 Punkten)

Alle meine Rezensionen ansehen Rezension bezieht sich auf: Die Leiden des jungen Werther (Taschenbuch) Werther - ein junger Mann, der einfach anders ist. In einer oberflächlichen, stark von Vernunft und Moral geprägten Gesellschaft fühlt er sich in seiner starken Emotionalität, Empfindsamkeit und Naturverbundenheit von seinen Mitmenschen unverstanden. Ein Genie im Sinne des Sturm und Drang, das auf Dauer an dem Versuch zerbricht, diese ihm zugedachte Rolle zu spielen und sich für sich selbst angemessen in seinem sozialen Umfeld zu etablieren. Mit seiner Einstellung steht er auf Kriegsfuß mit der zeitgenössischen Gesellschaft, die unter dem Einfluss der Aufklärung steht, und flüchtet sich in seiner Verzweiflung an sich selbst in die Liebe zu Lotte, die - wie er selbst weiß - keine Zukunft hat und nur auf einer Idealisierung beruht. Seine fortwährende Selbstdarstellung als Schrei nach Aufmerksamkeit, Liebe, Verständnis und Anerkennung gipfelt im durchdacht inszenierten Freitod.
Werthers starker Hang zu Melancholie, Selbstmitleid und Larmoyanz wird gewiss so manchen Leser eher nerven oder amüsieren, als überzeugen. Auch die allgemeine Tragik des Romans, besonders das Ende, mag vielen als zu negativ, vielleicht gar als schlechtes Beispiel und somit nicht schulkonform erscheinen. Allerdings ist zu bedenken, dass Goethe seine Figuren bewusst überzeichnet und ihnen damit eine eindeutige Rolle zugeteilt hat. Auch die Dramatik der Geschichte an sich hält eine sichere Distanz zu einer realistischen Darstellung. Dies ermöglicht zum einen ein besseres Verständnis, zum anderen aber verhindert es eine leichtfertige Übertragung der Handlung auf das wirkliche Leben. Dabei lässt Goethe dem Leser aber geschickt die Möglichkeit, das Beziehungsgeflecht der Charaktere auf vielschichtige Art zu interpretieren, ebenso wie das interne System von Ursache und Wirkung, da das Buch zu einem gewissen Grade offen angelegt ist und ein lineares Verständnis in verschiedene Richtungen erlaubt. Das Werk hat dabei soviel Komplexität und Tiefgang, dass sich auch bei intensiver Analyse immer neue Facetten und Details offenbaren, ohne dabei jedoch bei oberflächlicherem Lesen völlig unverstanden zu bleiben. Somit lässt sich sagen, dass Goethe mit „Die Leiden des jungen Werther" ein beeindruckend durchdachtes und in sich schlüssiges Stück Literatur gelungen ist.
Für mich persönlich war erschreckend, wie sehr Werther an mancher Stelle meine eigenen Gedanken und Gefühle auf so zutreffende und präzise Weise in Worte fasst. Er ist für mich nicht nur ein Protagonist in einem Buch, sondern vielmehr ein Modell für einen bestimmten Typus Mensch, zu dem ich mich selbst zählen würde. Sozusagen als seelischer Nachfahre konnte ich mich an vielen Stellen des Buches voll mit ihm identifizieren und teile auch ein paar seiner Ansichten, die ich an dieser Stelle zur Vermeidung schmerzlicher Diskussionen nicht namentlich nennen werde. Was nicht heißen soll, dass ich ihn als vollkommenes Abbild meiner selbst betrachten würde, denn es gibt ebenso Punkte, die mir nicht zusagen; Werthers Weltbild jedoch ist mir sympathisch. So ist es nicht verwunderlich, dass ich schmunzeln musste, als ich im Brief vom 26. November den Satz las: „Dann lese ich einen Dichter der Vorzeit, und es ist mir, als säh ich in mein eignes Herz."
Ich denke also, Werther ist sehr wohl ein Typus unserer Zeit, um die auf der Rückseite des Buches gestellte Frage zu beantworten. Immer noch aktuell, repräsentiert er die Minderheit der Menschen, die Angst haben, unter dem gesellschaftlichen Druck zugrunde zu gehen, die das Gefühl und die eigene Persönlichkeit als höchstes Gut im Leben einschätzen, sich in der Welt ihrer Zeit verloren und unterdrückt fühlen und sich nach Freiheit sehnen - so makaber es klingen mag, mich hat gefreut, dass Werther es am Ende auf die einzige uneingeschränkte Art geschafft hat, sich von allen Ketten und Bürden zu befreien.
Ergo, „Die Leiden des jungen Werther" hat mich sehr bewegt - trotz einiger nerviger Passagen - und war für mich bisher mit Abstand die beste Schullektüre. Ein ansprechendes und sehr tiefgründiges Buch, das es schafft, gekonnt über den Tellerrand gesellschaftlich etablierter Charakterstandards zu schauen. Schon war es passiert, dass ich einmal in einem Privatgespräch sagte: „Ach, was ich weiß, kann jeder wissen - mein Herz habe ich allein."
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 14. Januar 2004
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